| Rede

„Made in Germany“ besitzt einen guten Klang

Anlass
Grußwort zur Eröffnung des 5. ACOD-Kongress: „Automobilbranche Ostdeutschland - Wege in die Zukunft“
Datum
28.02.2012
Ort
Leipzig
Redner
Dr. Christoph Bergner, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern

Sehr geehrter Herr Erlacher,
sehr geehrter Herr Bacher,
sehr geehrte Damen und Herren, 

ich danke Ihnen für die Einladung zum 5. Kongress des Automotive Clusters Ostdeutschland. Der Kongress hat sich mittlerweile als eine feste Institution etabliert. Er symbolisiert den Stand der ostdeutschen Automobilindustrie, seine Stärken und seine Entwicklung. Ich freue mich, dass stets auch die Politik in diesen Dialog einbezogen wird. Ich bin auf einen interessanten und produktiven Austausch sowie einen gemeinsamen Blick auf die Zukunft der Automobilindustrie in Ostdeutschland sehr gespannt. 

Die Entwicklung des Automobilbaus in Ostdeutschland ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten ausgesprochen erfolgreich verlaufen 

Meine Damen und Herren, 

die Industrienation Deutschland verfügt über viele starke, innovative und weltweit angesehene Branchen. „Made in Germany“ besitzt einen guten Klang und ist ein Versprechen auf höchste Qualität, Innovation und Zuverlässigkeit. 

Alles dies gilt in besonderem Maße für die Automobilbranche, die nach wie vor eine besondere Stellung hat. Keine andere Branche und kein anderes Produkt verkörpern in aller Welt so sehr die industrielle Stärke Deutschlands, wie es das Automobil tut. Ich denke darauf sind viele Menschen in unserem Land zu Recht stolz. Das zu sehen ist aber keine Selbstverständlichkeit. 

Darum freue ich mich auch sehr über die vielen guten Nachrichten, mit denen der Automobilstandort Ostdeutschland in den letzten Monaten aufwarten konnte. Hier in Leipzig  ist der millionste BMW vom Band gerollt. BMW hat sich entschieden, die neue Fertigung der Elektrofahrzeuge in Leipzig anzusiedeln. Auch Porsche verstärkt sein Engagement und wird das neue Modell „Cajun“ in Leipzig produzieren. 

Alle diese Entscheidungen belegen die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes und machen Ostdeutschland  zu einem auch im gesamtdeutschen Maßstab immer gewichtigeren Automobilstandort. 

Die Automobilindustrie, die vor etwas mehr als 20 Jahren in den östlichen Ländern, wie so viele andere Branchen auch, am Boden lag, ist heute wirtschaftlich stark und ein Aushängeschild der Region. 180.000 Menschen finden hier Arbeit, erwirtschaften einen Umsatz von 35 Milliarden Euro und produzieren über 650.000 Autos im Jahr. 

Ostdeutschland knüpft damit wieder an seine automobile Tradition an und ist dabei, sich als ein Industriestandort von großer Qualität und Wettbewerbsfähigkeit zu etablieren. Die Bundesregierung weiß dabei um die Bedeutung der Automobilbranche und bekennt sich ausdrücklich zur Zukunft des Automobilbaus in Ostdeutschland. Wir stehen an Ihrer Seite und werden Sie bei Ihrem Weg in die Zukunft unterstützten. 

Der ACOD leistet einen wichtigen Beitrag zur guten Entwicklung der Branche in Ostdeutschland 

Dieser Weg war und ist allerdings nicht einfach. Mitten in Europa einen Produktionsstandort für Automobile wiederzubeleben, ist eine besondere Herausforderung. Die großen Wachstumsmärkte für PKWs und Nutzfahrzeuge liegen heute im Wesentlichen außerhalb Europas, hinzu kommen tiefgreifende technologische und gesellschaftliche Umbrüche. 

Diese Aufgabe kann nur in enger Kooperation zwischen großen Automobilherstellern, einer innovativen Zulieferindustrie und den Wissenschaften mit ihren vielen herausragenden Forschungs- und Ausbildungszentren und nicht zuletzt auch mit der Politik und ihren Möglichkeiten gelingen. Aus diesen verschiedenen Akteuren und ihren unterschiedlichen Leistungen einen Gesamterfolg zu formen, setzt eine große Koordinierungsleistung voraus. 

Der ACOD leistet diesen wichtigen Beitrag. Das Automotive Cluster Ostdeutschland stößt wichtige Debatten und Prozesse an, von denen Ostdeutschland insgesamt profitiert. Der ACOD ist ein gutes Beispiel dafür, wie Kooperation und die Etablierung von Netzwerkstrukturen die Wettbewerbsfähigkeit einer Branche steigern können. 

Sie, meine sehr geehrte Damen und Herren, beweisen, dass es die Fähigkeit zur regionalen und sektoralen Kooperation ist, die neben dem zu Höchstleistung anstachelnden Wettbewerb, die besondere Stärke der Marktwirtschaft ausmacht. 

Das erleben wir heute bei ihrem zur guten Tradition gewordenen Kongress, aber auch durch die kontinuierliche Arbeit, die sie das ganze Jahr über leisten. Neben der Kooperation in der Branche ist mir sehr wichtig, dass es auch eine enge Zusammenarbeit mit der Politik gibt. Stellvertretend für die Bundesregierung stehe ich als Beauftragter für die Neuen Länder hierfür sehr gerne zur Verfügung. 

Ich wünsche mir – und bin mir ihrer Zustimmung sicher –, dass alle am ACOD beteiligten Unternehmen und Institutionen ihre Kooperationen intensivieren und die Suche sowie Einbindung geeigneter Partner fortsetzen. Nicht nur die Branche, sondern auch das Cluster sollte auf einen konsequenten Wachstumskurs setzen. Je breiter die Basis des ACOD ist, umso wettbewerbsfähiger und innovativer werden Sie als Einzelunternehmen und die Branche insgesamt sein. 

Dabei mangelt es nicht an Herausforderungen. Ich erwähne hier nur drei:

  • Die Fähigkeit zu ständiger Innovation und zur Entwicklung neuer Produkte.
  • Die langfristige Sicherung der Fachkräfte.
  • Die wachsende Bedeutung internationaler Kooperation. Ich denke hier insbesondere an eine Zusammenarbeit mit unseren östlichen Freunden und Nachbarn.

Lassen Sie mich kurz darauf eingehen, welche Beiträge die Politik hierzu leistet. 

Ostdeutschland ist ein Ideenstandort und ist vor allem durch Innovationen konkurrenzfähig 

Erstens, Innovationen leben von Ideen. Ich sehe die östlichen Bundesländer als Ideenstandort, der durch Innovationen, neue Produkte und die Erschließung neuer Märkte international wettbewerbsfähig ist. 

Für alles das brauchen wir neben einer gut ausgebauten Forschungslandschaft und Unternehmen, die den Mut zur Innovation haben, vor allem viele kluge Köpfe, die in Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen den Motor des Fortschritts am Laufen halten. 

Wie sie alle wissen, wurde die ostdeutsche Forschungslandschaft in den letzten zwei Jahrzehnten in einem erheblichen Umfang ausgebaut und modernisiert. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und wir müssen keinen internationalen Vergleich scheuen. In den östlichen Bundesländern gibt es heute eine große Zahl sehr leistungsfähiger außeruniversitärer Forschungseinrichtungen ebenso wie hervorragende Universitäten. 

Mir liegt besonders am Herzen, dass die Zusammenarbeit zwischen den Forschungseinrichtungen und Hochschulen auf der einen und den in der Region aktiven Unternehmen auf der anderen Seite weiter intensiviert wird. Ich brauche wohl nicht zu betonen, dass auch in dieser Hinsicht der ACOD und die fünf über den Cluster Hub direkt angebundenen Länderinitiativen beispielgebend sind. 

Wie bereits eingangs erwähnt, wird BMW ab 2013 in Leipzig im großen Stil Elektrofahrzeuge bauen. Damit hat unsere Region bei einem der großen Themen der kommenden Jahre die Nase vorne. Die Elektromobilität wird künftig eine Schlüsselrolle spielen bei der klimafreundlichen und ressourcensparenden Umgestaltung der Mobilität in Deutschland. 

Mit dem im Mai 2011 beschlossenen Regierungsprogramm Elektromobilität hat die Bundesregierung die Förderung dieser Technologie angeschoben. Dies wird mit dem klaren industriepolitischen Ziel verbunden, diese Industriesparte in ihrer Wettbewerbsfähigkeit zu stützen. Die östlichen Bundesländer können bei der Elektromobilität nicht nur als Produktionsstandort, sondern auch bei der Produktentwicklung und der Erprobung der Technologie in den sogenannten Schaufenstern eine wichtige Rolle spielen. 

Ich finde es bemerkenswert, dass sich fünf der sechs östlichen Bundesländer für das Programm „Schaufenster für die Elektromobilität“ beworben haben und dabei konsequent auf Kooperation setzen. Berlin hat zusammen mit Brandenburg ein gemeinsames Konzept entwickelt. Thüringen und Sachsen-Anhalt haben sich zusammengetan und Sachsen hat sich gemeinsam mit dem südlichen Nachbarn Bayern beworben. 

Neben der Elektromobilität gibt es weitere Zukunftstrends, wie zum Beispiel eine ressourcenschonende Produktion, die die Automobilbranche in den nächsten Jahren beschäftigen wird. Die östlichen Bundesländer haben hier die große Chance durch innovative Verfahren, die im Dialog zwischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen entwickelt werden, ihre Marktposition in der Branche zu festigen und auszubauen. 

Ich lade Sie auch gern ein, an der Cleantech-Initiative Ostdeutschland mitzuarbeiten, die ich im vergangen Jahr zusammen mit dem Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt in Magdeburg eröffnet habe. In dieser Initiative sollen die Fragen der Ressourceneffizienz, der sauberen Technologien, der besonderen Erfahrungen, die hier in Ostdeutschland mit Sanierungsaufgaben gesammelt wurden, eingebracht und zum Nutzen der beteiligten Unternehmen verstärkt werden.  

Gemeinsame Aufgabe: Fachkräftesicherung 

Die zweite große Herausforderung, meine Damen und Herren, sehe ich in der Sicherung eines langfristig ausreichenden Angebots an qualifizierten Fachkräften in den östlichen Bundesländern. Hier sind die Politik und die Unternehmen gleichermaßen gefragt. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, die Köpfe in unserer Region möglichst klug zu machen, also zu qualifizieren und zu bilden, und diese klugen Köpfe dann auch in der Region zu halten. 

Lassen Sie mich kurz die dringendsten Aufgaben umreißen, die dem Staat und der Politik in dieser Sache zukommen. Wir - und damit meine ich nicht allein die Bundesregierung, sondern ebenso die Länder und die Kommunen - müssen dafür sorgen, dass jedes Kind in unserem Land die Chance auf eine möglichst gute Bildung erhält. Hierfür brauchen wir gute Schulen, die die unterschiedlichen Talente fördern und die jungen Menschen auf die weitere Ausbildung und ein Studium vorbereiten. Um junge Menschen an die Region zu binden ist es wichtig, ein breites und attraktives Angebot an Studiengängen und eine ausreichende Zahl an Studienplätzen anzubieten. Mit dem Hochschulpakt hat die Bundesregierung bewiesen, dass sie bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und die Bundesländer beim Erhalt bzw. Ausbau von Studienplätzen zu unterstützen. 

Allein kann der Staat aber nicht dafür sorgen, dass es genug gut ausgebildete Fachkräfte gibt. Wir sind auf Ihr Engagement angewiesen. Unternehmen müssen Ausbildungsplätze anbieten und den Mut haben, auch den jungen Menschen, die vielleicht etwas länger brauchen, um ans Ziel zu kommen, eine Chance zu geben. Wir brauchen alle junge Menschen in Ostdeutschland, wenn wir weiter wettbewerbsfähig bleiben wollen und sollten darum allen eine Chance geben. 

Wichtig ist auch, die Fachkräfte, die heute schon in der Branche beschäftigt sind, weiterzubilden und zu qualifizieren. Sie wissen besser als ich um die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts und die Notwendigkeit, dass sich Mitarbeiter mit neuen Abläufen und Technologien vertraut machen. Ich bin darum der Überzeugung, dass Investitionen in das Know-how ihrer Mitarbeiter ebenso wichtig sind, wie Investitionen in neue Anlagen. 

Internationale Kooperationen 

Und schließlich müssen wir uns in Ostdeutschland noch stärker internationalisieren als bisher. Die wachstums- und produktivitätssteigernden Kräfte des Weltmarktes noch stärker als bisher zu nutzen, darin sehe ich eine der zentralen Aufgaben für die ostdeutsche Wirtschaft. Auch hier ist die Politik bereit, ihre unterstützenden Beiträge zu leisten. 

In den kommenden Jahren wird es neben technologischen Veränderungen Verschiebungen bei den Absatzmärkten geben. Neben den traditionell wichtigen Märkten in Europa und Nordamerika gewinnen China, Indien und die großen südamerikanischen Märkte an Bedeutung. Dort eröffnen sich  neue Absatzchancen, aber es entstehen auch neue Wettbewerber. Die Automobilindustrie hat bereits begonnen, sich auf diese Veränderungen einzustellen. Ich bin mir sicher, dass die Automobilunternehmen und die Zulieferer aus den östlichen Bundesländern hervorragende Voraussetzungen haben, um geeignete Strategien und Produkte für diese neue Herausforderung zu entwickeln.

Ein wichtiger Ansatzpunkt ist die Verstärkung der internationalen Kooperation. Ostdeutschland kann hier von seiner geographischen Lage an der Schnittstelle zwischen den großen westeuropäischen Märkten und den dynamischen Regionen in Mittel- und Osteuropa profitieren. Es gibt viele traditionelle Verbindungen, die in den letzten Jahren intensiviert wurden und sich als belastbar erwiesen haben. 

Ich habe gesehen, dass Sie diesem Thema im Rahmen dieses Kongresses einen besonderen Stellenwert eingeräumt haben und freue mich, dass wir unter uns Vertreter der „Polish Chamber of Automotive Industy“ begrüßen dürfen. Die Zusammenarbeit mit polnischen Partnern ist für die ostdeutschen Regionen eine große Chance und sorgt für eine echte europäische Integration, die die Potenzale des gemeinsamen Marktes nutzt. 

Mir ist es wichtig noch einmal zu betonen, dass Ihnen die Bundesregierung als Partner für die Bewältigung dieser Herausforderungen zur Seite stehen wird. Wir werden die Unternehmen in Ostdeutschland weiterhin bei Investitionsvorhaben und im Innovationsprozess unterstützen. Wir legen auch in Zukunft ein besonderes Gewicht auf die Förderung kleiner und mittelgroßer Unternehmen. Ziel ist es, den oftmals bestehenden Größennachteil auszugleichen und gleichzeitig den Wachstumsprozess der Unternehmen zu unterstützen. 

Die vielen kleinen und mittelgroßen Unternehmen, die sich in den letzten Jahren in den ostdeutschen Ländern erfolgreich behauptet haben, sollten den Ehrgeiz besitzen, ihr Wachstum fortzusetzen. Noch gibt es wenige Großunternehmen, die in Ostdeutschland ihren Sitz haben. Es gibt aber viele Unternehmen hier, die das Potenzial besitzen zu den Großunternehmen von morgen oder übermorgen zu gehören. 

Sich auf die eigene Stärke und das eigene Potenzial zu besinnen, war ein Schlüssel für die unglaubliche Aufbauleistung in den letzten Jahren. Wir sollten an dieser Strategie festhalten. Die weitere wirtschaftliche Entwicklung unserer Region wird künftig noch stärker von der Nutzung endogener Potenziale abhängen. Sowohl die Fördermittel als auch neue Struktur prägende Investitionen und Ansiedlungen werden künftig eine geringere Rolle spielen. Stattdessen wird es darum gehen, die spezifischen Stärken, die es in Ostdeutschland gibt für Wachstum und Beschäftigung zu nutzen. 

Die Arbeit des ACOD setzt genau hier an und ist darum nicht nur für die Automobilbranche, sondern für ganz Ostdeutschland von unschätzbarem Wert. 

Ostdeutschland ehrlich betrachten und die Schwierigkeiten ebenso wie die Chancen ehrlich diskutieren

Als Beauftragter für die Neuen Länder ist es mir wichtig dafür zu werben, dass wir Ostdeutschland ehrlich betrachten und die Chancen ebenso wie Schwierigkeiten ehrlich diskutieren. Es gibt von beidem reichlich, große Chancen und schwierige Herausforderungen.

Wenn wir gemeinsam den Weg in die Zukunft diskutieren, dann kann man feststellen, dass vieles was für die Automobilindustrie gilt, auch für Ostdeutschland als Ganzes gilt. 

Die Ausgangsbedingungen sind gut. Es wurde in den letzten Jahren viel geleistet und viel erreicht. Das Erreichte bildet eine gute Basis, die vor uns liegenden Herausforderungen anzugehen. 

Wir brauchen auch künftig das Engagement aller Akteure und die Bereitschaft, die Dinge gemeinsam zu gestalten, um die noch bestehenden Wettbewerbsnachteile auszugleichen. Dort wo es noch Schwächen gibt, müssen wir sie klar benennen und rasch Lösungsstrategien entwickeln. In diesem Sinne freue ich mich auf unsere Diskussion und die weitere gute Zusammenarbeit mit dem Automotive Cluster Ostdeutschland.