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25.08.2010

"Anders über uns reden" - "Gemischtes Doppel" in Frankfurt am Main

Partnerstädte - Messestädte - Buchstädte: Diese Schlagworte waren der Rahmen für die dritte Gesprächsrunde der Reihe "Das gemischtes Doppel - Ost und West im Dialog". Diesmal bildeten Frankfurt am Main und Leipzig das Dialogpaar.

Der Bundesminister des Innern und Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer, Dr. Thomas de Maizière, hatte nach Frankfurt ins Naturmuseum Senckenberg eingeladen, wo vor prähistorischen Ausstellungsstücken höchstaktuelle Themen diskutiert wurden.

Partnerstädte - Messestädte - Buchstädte: Diese Schlagworte waren der Rahmen für die dritte Gesprächsrunde der Reihe "Das gemischtes Doppel - Ost und West im Dialog". Diesmal bildeten Frankfurt am Main und Leipzig das Dialogpaar. Der Bundesminister des Innern und Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer, Dr. Thomas de Maizière, hatte nach Frankfurt ins Naturmuseum Senckenberg eingeladen, wo vor prähistorischen Ausstellungsstücken höchstaktuelle Themen diskutiert wurden.

Über 150 interessierte Bürgerinnen und Bürger waren gekommen, um mit den Podianten rund um Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière zu diskutieren. In je zwei gemischten Doppeln debattierten - moderiert von Jaqueline Boysen (Deutschlandradio) - Petra Löschke, Honorarkonsulin für Schweden und Unternehmerin aus Leipzig, und Wolfgang Marzin, Geschäftsführer der Frankfurter Messe, sowie Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse und Initiator des Festivals "Leipzig liest", und Klaus Schöffling, Verleger aus Frankfurt und Organisator der Veranstaltung "Frankfurt liest ein Buch". Im Mittelpunkt stand die Entwicklung der beiden Städte in der Zeit vor 1989 und die Perspektiven die sich seitdem ergeben haben.

In ihrer Begrüßung skizzierte die Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt, Dr. h.c. Petra Roth, die Entwicklung Leipzigs bis 1945 und kontrastierte dies mit dem Aufstieg Frankfurts nach 1945. Roth machte deutlich, dass Leipzig ohne die Katastrophe des Dritten Reiches und die zweite deutsche Diktatur heute den Entwicklungsstand von Frankfurt hätte haben können, Frankfurt also fast so etwas wie ein "Kriegsgewinnler" sei. Eine ehrliche Analyse, die das Publikum aufhorchen ließ.

Aber es sollte an diesen Abend nicht über die verlorenen Chancen der Vergangenheit gehen, sondern um die Entwicklung seit der friedlichen Revolution 1989/90 und die Perspektiven für die Zukunft. Innenminister de Maizière: "Wir wollen nicht über Ostdeutschland reden, sondern miteinander reden: darüber, wie wir uns gemeinsam verändert haben und wie wir uns verändern werden."

Die Grundlage der lebhaften Debatte war gleichwohl ein kurzer Blick in die Vergangenheit. Petra Löschke bemerkte zur Eröffnung der Runde: "Wenn man über die DDR redet, muss man reflektieren, dass die DDR von 1951 nicht die DDR von 1961 und schon gar nicht die DDR von 1989 war. Die DDR war keine statische Angelegenheit, sondern zeigte auch Entwicklungen." Sie habe sich mit ihrem Leben in der DDR arrangiert und sich dort nicht gefürchtet. Erst als Egon Krenz, Mitglied des SED-Politbüros und später letzter SED-Generalsekretär, im Sommer 1989 andeutete, dass eine brutale Niederschlagung von etwaigen Aufständen in der DDR ähnlich passieren könne wie auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989, kam in Löschke die Furcht zutage: "Wenn es so gefährlich werden könnte, dann ist es höchste Zeit, etwas zu tun." Für Wolfgang Marzin hingegen, der die Tage dieser Zeit in München erlebte, war es "faszinierend, wie für die meisten meiner Generation." Marzin, von 2004 bis 2009 Chef der Leipziger Messegesellschaft, lobte das Flair der Stadt und die Offenheit ihrer Bürger. Löschke wiederum resümierte den sichtbaren Aufschwung Leipzigs zwiegespalten: "Seit 1989 haben die Häuser Leipzigs profitiert, aber die Leute nicht."

Im zweiten Teil der Diskussionsrunde, das nächste Doppel mit Oliver Zille und Klaus Schöffling war mit aufs Podium gekommen, gelang der Spagat, auf die kulturelle Entwicklung im geeinten Deutschland seit 1990 insbesondere im literarischen Bereich einzugehen und gleichzeitig aber auch wirtschaftliche Aspekte zu diskutieren. Marzin betonte, dass Deutschland, von außen betrachtet, stolz darauf sein könne, zwei tolle Buchmessen in Frankfurt und Leipzig zu haben. Die anfänglichen Widerstände vornehmlich von westdeutscher Seite, zwei Buchmessen in Deutschland zu etablieren, konterte Innenminister de Maizière: "Die deutsche Einheit kann nicht gestaltet werden, wenn man laufend sagt: 'Wir haben ja schon genug'". Klaus Schöffling räumte ein: "Privatwirtschaftlich war nicht besonders vornehm gegenüber den ostdeutschen Verlegern und Verlagen." Aber gleichzeitig wandte das Podium den Blick nach vorne und gewann dem Strukturwandel, der beide Partnerstädte in unterschiedlicher Weise getroffen hat und im Zuge der Globalisierung auch noch treffen wird, positive Seiten ab. "Wirtschaftlicher Erfolg oder Misserfolg mancher Projekte ist eben die Normalität, für wirtschaftliches Risiko gibt es im 'Osten' keine Sonderboni mehr", sagte Oliver Zille. "Wir müssen lernen, damit umzugehen und von den Verschwörungsreflexen wegkommen." Gerade die Herausforderungen der Globalisierung, war sich die Runde einig, wird eben dieses Lernen erfordern und den Aufbruchsgeist der Generation von 1989 in ganz Deutschland benötigen, um bestehen zu können.

"Zu glauben, dass alles gut wird, wenn man alles angleicht, ist ein Fehlschluss. 'Aufbau Ost' kann nicht 'Nachbau West' sein. Eine kluge Politik ermöglicht Chancen, dass man es nicht gleich, sondern anders und besser machen kann." So warb Bundesminister de Maizière für eine neue Begrifflichkeit zur Ablösung des Begriffs von der "Angleichung der Lebensverhältnisse".
Neu und anders war auch das an diesem Abend geführte Gespräch, wie der Minister in seinem Schlusssatz betonte: "Dass wir anlässlich der Feierlichkeiten zu 20 Jahren deutscher Einheit in neuen Formaten sprechen, soll auch Anlass, anders über uns zu sprechen!"