Interview
18.02.2015

Ostbeauftragte Gleicke in einem dpa-Interview zum Thema Treuhand

"Treuhand Symbol eines brutalen Kapitalismus"

Interview der Ost-Beauftragte der Bundesregierung, Wirtschafts-Staatssekretärin Iris Gleicke (SPD), über die Treuhandanstalt

Frage: Die Treuhand ist im Rückblick höchst umstritten - wie bewerten Sie ihre Arbeit?

Antwort: Die Erfolge der Treuhand werden völlig überschattet von zahllosen Debakeln wie beim Kali-Werk Bischofferode und von der Erinnerung an zum Teil überforderte und dilettantische Manager. Die Treuhand hat eben nicht die Wettbewerbsfähigkeit möglichst vieler Unternehmen hergestellt und Arbeitsplätze gesichert und neue geschaffen, was ihr Auftrag war, sondern sie hat in der Hauptsache den Markt "bereinigt". Es wurde also nicht entwickelt, sondern gnadenlos abgewickelt. Hinzu kommen die diversen kriminellen Machenschaften, die damals aufgedeckt worden sind. Zahllose Verfahren blieben ohne jede strafrechtliche Konsequenz, was die Ermittler zur Verzweiflung gebracht hat. Die Tatsache, dass es einen Treuhand-Untersuchungsausschuss gegeben hat, spricht ja Bände.

Frage: Inwieweit wirkt die Treuhand auch als Symbol bis heute nach,welche Bedeutung hatte sie im Gesamtkontext der Vereinigung?

Antwort: Die Treuhand hat vielen, wenn nicht den meisten Ostdeutschen traumatische Erlebnisse beschert. Sie gilt im Osten definitiv nicht als Symbol einer funktionierenden sozialen Marktwirtschaft, sondern als das Symbol eines brutalen, ungezügelten Kapitalismus, verbunden mit Deindustrialisierung und Massenarbeitslosigkeit. Das alles hat das Vertrauen in den neuen Staat schwer erschüttert und zu einer unglaublichen Enttäuschung geführt, deren Nachwehen wir bis heute spüren. Es gehört zu meinem Selbstverständnis als Ostbeauftragte, immer wieder an die sogenannten Verlierer der Einheit zu erinnern. Manch einer ist nach 25 Jahren offenbar in purer Feierlaune und möchte heute den Aufbau Ost als reine Erfolgsgeschichte verkaufen. Das ist für mich Geschichtsklitterung, und das mache ich nicht mit. 

Frage: Was waren aus Ihrer Sicht die größten Verdienste der Treuhand,was waren ihre größten Fehler?

Antwort: Wir haben im Osten unter zum Teil äußerst schwierigen Verhältnissen unglaublich viel erreicht und sind bei der Angleichung der Lebensverhältnisse weit gekommen, aber im Osten ist die Auffassung verbreitet, dass wir das nicht dank, sondern trotz der Arbeit der Treuhand geschafft haben. Von Erfolgen der Treuhand muss man überall dort sprechen, wo es gelungen ist, Betriebe einigermaßen behutsam und so zu privatisieren, dass sie heute mit konkurrenzfähigen und oft mit absoluten Spitzenprodukten erfolgreich auf dem Markt sind. Der größte Fehler war, dass man von Ausnahmen abgesehen eben keine industriellen Kerne erhalten hat, von denen damals viel die Rede war. Wir haben heute in Ostdeutschland eine erfolgreiche mittelständische Wirtschaft und Industrie, aber was uns fehlt, sind die großen Konzernzentralen mit starken Forschungs- und Entwicklungsabteilungen.

Quelle: Andreas Hoenig, dpa