Interview
08.04.2013

Christoph Bergner über Halle, Fremdenhass und Zuwanderung

Interview mit Parlamentarischen Staatssekretär Christoph Bergner in der Mitteldeutschen Zeitung online vom 6. April 2013

Der Beauftragte für die neuen Länder, Christoph Bergner, äußert sich im Interview mit der Mitteldeutschen Zeitung über seine Heimatstadt Halle, Fremdenhass und Zuwanderung.

Halle/MZ: Nach einem umstrittenen Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, wonach Halle als eine Hochburg der Rechtsradikalen gelte, fühlen sich viele Hallenser zu Unrecht an den Pranger gestellt. Mit dem Hallenser und Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Länder sowie für Aussiedlerfragen, Christoph Bergner (CDU), haben Hartmut Augustin und Gert Glowinski gesprochen.

Können Sie noch guten Gewissens ausländischen Gästen einen Stadtbummel durch Halle empfehlen?

Bergner: Selbstverständlich und ich werde das weiter tun. Mir ist wichtig, der Aussage des Artikels entgegenzuwirken, der durch wenige Sätze ein verzerrtes Bild von Halle zeichnet.

Also gibt es keine Probleme mehr bei diesem Thema?

Bergner: Alle Zahlen sprechen dagegen, dass Halle eine Hochburg von Rechtsradikalen ist. Ich will aber die Diskussion nicht vom Tisch wischen, sondern zwei Konsequenzen ziehen. 1. Fremdenfeindlichkeit und Alltagsrassismus sind gesellschaftliche Krankheitserscheinungen, die bekämpft werden müssen, auch wenn Halle vergleichsweise gesund ist. 2. Wir sollten uns Gedanken über eine Willkommenskultur machen, die sich direkt an Zuwanderer wendet.

Wie willkommen sind Zuwanderer derzeit in Halle?

Bergner: Sie sind insgesamt schon willkommen. Hier wie andernorts in den neuen Bundesländern sind wir jedoch oft auf Zielgruppen orientiert, die in Westdeutschland zahlreich sind - bei uns aber kaum eine Rolle spielen. Der Osten braucht in Sachen Integration und Willkommenskultur seine eigenen Schwerpunkte. Wir haben zum Beispiel eine vergleichsweise kleine Zahl türkischer Zuwanderer und dagegen deutlich mehr Russlanddeutsche. Spätaussiedler sind im Osten die größte Zuwanderergruppe. Wir haben uns aber zu wenig auf sie eingestellt. Trotz guter Beispiele haben Russlanddeutsche für die Politik bislang eine untergeordnete Rolle gespielt. Ich appelliere also, dass wir nicht einfach die Situation in Köln oder Frankfurt kopieren, sondern uns klar auf die Zielgruppen hier einstellen, die bei uns relevant sind.

Und wie willkommen sind Russlanddeutsche?

Bergner: In diesem Fall fehlt an unserer Willkommenskultur oft die Akzeptanz, dass es sich um Deutsche handelt, deren Familien wegen ihrer Volkszugehörigkeit ein schweres Kriegsfolgenschicksal erlitten und dabei meist auch die deutsche Sprachbindung verloren haben. Genau hier muss Willkommenskultur ansetzen.

Alltagsrassismus gibt es natürlich. Wie kann man dem begegnen, wenn abfällig von Russen oder Fidschis die Rede ist?

Bergner: Wichtiger als mancher Begriff unserer Alltagssprache ist unsere Haltung zu Zuwanderern. Wir müssen Verständnis für diese Menschen und ihre Geschichte und Kultur entwickeln. Das ist ein Lernprozess. Wir wollen, dass Zuwanderer unser Recht und Gesetz befolgen und unsere Kultur akzeptieren. Das gelingt umso einfacher, je mehr sich diese Menschen von uns verstanden fühlen.

Brauchen wir mehr Zuwanderung?

Bergner: Wir müssen offen dafür sein. Zum Beispiel mit Blick auf den bereits spürbaren Fachkräftemangel werden wir es uns nicht leisten können, Leute draußen zu lassen, die bei uns benötigt werden. Noch aber erschwert die hohe Arbeitslosigkeit im Osten das Verständnis für diese Entwicklung.