Interview
07.06.2012

"Zukunftslabor der Fachkräftesicherung"

Auf Einladung der Redaktion Wirtschaft & Markt trafen sich Vertreter von Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften, um Herausforderungen und Chancen der Fachkräfteentwicklung in den neuen Bundesländern zu diskutieren.

W&M: Herr Bergner, Sie haben 2010 einen Dialog mit den ostdeutschen Sozialpartnern zum Thema  Fachkräftesicherung« gestartet. Wo sehen Sie im Osten Handlungsdruck? 

BERGNER: Das Problem kommt auf die ganze Bundesrepublik zu. Der Fachkräftemangel trifft die neuen Länder nur viel früher und vehementer. Die Lösungen hier könnten Modellcharakter haben für die demografische Entwicklung in ganz Deutschland. Der Osten ist das Zukunftslabor der Fachkräftesicherung. Ursächlich für den Wandel hier  waren der Geburteneinbruch nach der Wende und die Abwanderung. Unterschätzt wird, dass wir heute in der Altersstruktur sehr homogene Belegschaften haben. Nach der Wende wurde Personal abgebaut, ältere Arbeitskräfte ausgegliedert, neue nicht eingestellt. Die Unternehmen mussten schrumpfen. Daher wird es in  wichtigen Unternehmensbereichen in den nächsten Jahren zu einem großen Ersatzbedarf an Fachkräften kommen. 

W&M: Was genau ist zu tun? 

BERGNER: Politik, Sozialpartner und die Regionen müssen versuchen, sich auf die Situation einzustellen. Die  Politik  muss dabei die künftigen Entwicklungsschwerpunkte setzen, so sie das überhaupt vorhersehen kann. Wichtig ist es, die Fachkräfteentwicklung mit politischen Maßnahmen zu flankieren. Kein Zweifel sollte daran bestehen, dass die Fachkräftebereitstellung und –sicherung originäre Aufgabe der Unternehmen ist. 

W&M: Ist es überhaupt richtig, dass auch die Politik sich dieser Aufgabe widmet? 

BAASKE: Ich habe 2004 die erste Arbeitskräftestudie für Brandenburg in Auftrag gegeben. Damals haben mir viele ’nen Vogel gezeigt. Was soll das, bei 280.000 Arbeitslosen im Land? Ergebnis war, dass uns bis 2010 bis zu  100.000 Fachkräfte fehlen könnten. 2004/05 wurde die Prognose noch belächelt. Auch weil Politik und Wirtschaft gehandelt haben, konnte Schlimmeres verhindert werden. Jetzt liegt eine neue Studie vor. Demnach fehlen uns bis 2015 etwa 275.000, bis 2020 rund 360.000 und bis 2030 rund 460.000 Fachkräfte in Berlin und Brandenburg – wenn wir unsere Hausaufgaben nicht machen. Die Politik hat eine Menge bewirkt im Osten. Ohne Hilfe – wie durch den Solidarpakt – stünde es schlimmer. Aber über einige Dinge sollte von Zeit zu Zeit neu nachgedacht werden. 

W&M: Worüber zum Beispiel? 

BAASKE: Die neuen Länder werden jedes Jahr gescholten, wenn sie die Solidarpaktmittel nicht zu 100 Prozent in Stahl und Beton gießen. Wir können mit dem Geld den Hörsaal bauen, aber den Professor nicht bezahlen. Politik muss Bildung endlich als Investition verstehen. 

W&M: Teilt ein Zwickauer Landrat die Ansicht des Landespolitikers? 

SCHEURER: Fördermittel allein werden die Probleme nicht beheben. Ohne die Beteiligung der Unternehmen ist der Fachkräftemangel nicht aufzulösen. Im Landkreis haben wir dieses Problem früh erkannt, wobei sich als  Hauptursache die Halbierung der Geburtenzahl herausgeschält hat. Mittel- und kurzfristig können wir dem Mangel nur begegnen, wenn wir das Reservoir an Menschen geschickt einsetzen. Das beginnt bereits bei der Berufs- und Studienorientierung. Da zeigt sich ein differenziertes Bild. In vielen Familien passiert das sehr überlegt. Aber es gibt auch solche, wo Hilfestellung geleistet werden muss. 

W&M: Ist Fachkräftesicherung auch eine Angelegenheit der Gewerkschaften? 

LICHT : Sie haben da eine besondere Rolle. Aktuelle Zahlen weisen für Thüringen einen Arbeitskräftebedarf von  200.000 bis zum Jahr 2020 aus. Welches Potenzial haben wir? Die Menschen wären da, wenn der Fachkräftemangel nicht schon seinen Schatten auch auf den Westen werfen würde. In Thüringen gibt es 40.000 Wochenpendler und 6.000 Abwanderungen pro Jahr. Dieser Trend lässt sich nur stoppen, wenn Menschen in den neuen Ländern eine Perspektive angeboten wird. Damit meine ich nicht allein das Einkommen. Es geht auch um Lebensperspektive, um Aufstiegsmöglichkeiten, um dauerhafte Beschäftigung, weg von den vielen befristeten Arbeitsverhältnissen. Das ist notwendig, um den Leuten signalisieren zu können, wir brauchen euch hier. 

W&M: Wie soll das umgesetzt werden? 

Vor kurzem haben wir eine neue Initiative gestartet. Sie ist gerichtet auf Leute, die bereits über 25 Jahre alt sind, aber immer noch keinen Einstieg ins Berufsleben gefunden haben. Aus verschiedenen Gründen. Politik, Arbeitgeber und -nehmer sowie die Arbeitsagenturen bündeln die Mittel, um diesen jungen Menschen gezielt eine Perspektive zu geben. Wir wollen sie als künftige Arbeitskräfte aktivieren, die im Land bleiben. 

W&M: Herr Trepte, Sie haben kürzlich geäußert, der Fachkräftemangel sei etwas Bedrohliches, wenn wir uns nichts einfallen lassen. Was lassen Sie sich einfallen? 

TREPTE: In Mecklenburg-Vorpommern haben wir das Ausbildungsbündnis zur Fachkräfteinitiative erweitert und Aufgaben verteilt. Anfangen müssen wir bei den Schulen. Das Land hat die rote Laterne bei Schulabgängern ohne Abschluss. Das sind um die 14 Prozent. Das ist brachliegendes Potenzial, das in der demografischen Entwicklung stärker denn je gebraucht wird. Wichtig ist, da stimme ich Frau Licht zu, den jungen Menschen eine nachvollziehbare Perspektive aufzuzeigen. Die Versuche mit Plakaten, TV-Spots und Kampagnen wie »Dein Land, deine Chance« allein haben wenig gefruchtet. 

W&M: Was wollen Sie anders machen? 

TREPTE: Häufig beklagen vor allem kleinere Unternehmen, viele Schulabgänger seien nicht ausbildungsreif. Das bedeutet aber nicht, dass diese jungen Menschen nicht ausbildungsfähig sind. Mit der Metall- und Elektroindustrie haben wir ein Konzept entwickelt, über ein vorgeschaltetes Jahr bei Bildungsträgern und einer mindestens fünfmonatigen Einstiegsqualifizierung den Jugendlichen den Einstieg in eine Ausbildung zu ermöglichen. Über 70 Prozent der Teilnehmer sind so in eine Ausbildung gekommen. Die meisten wären als Bewerber im Normalfall nicht einmal durch das Sekretariat gekommen. Bei gutem Willen aller Partner ist vieles machbar. 1998 hatten wir in Mecklenburg-Vorpommern über 30.000 Schulabgänger. 2011 waren es noch 9.500. Diesen standen 11.000 Ausbildungsplätze gegenüber. 2.000 Lehrstellen blieben unbesetzt. Wir brauchen alle Jugendlichen.  

W&M: Sie plädieren für eine Risikoübernahme durch die Unternehmer? 

TREPTE: Ja. 

BAASKE: Richtig, denn wir können uns eben keine anderen Fachkräfte backen. 

W&M: Erfordert der Fachkräftemangel eine neue Qualität der Vernetzung der Beteiligten? 

BAASKE: Seit 2005 haben wir in Brandenburg das Bündnis für Fachkräftesicherung, über das annähernd 100 Maßnahmen laufen. Von der Kita und Krippe bis zur Frage, mehr Mädchen für technische Berufe zu begeistern und Abiturienten zu einem Studium zu animieren. Am Ende der ganzen Latte geht es bis in die Pflege hinein, wenn die Eltern hilfebedürftig sind. Neben dem Geburtenknick wird auch die Vielzahl der Verrentungen zum Problem. Diese beiden demografischen Züge rasen aufeinander zu. Da kann sich keiner raushalten. Es bedarf enormer Anstrengungen, um der Wirtschaft nicht den Boden zu entziehen, dazu gehören starke Sozialpartner und natürlich gute Bezahlung. 

BERGNER: Auf Bundesebene wurde der Ausbildungspakt ursprünglich gebildet, um ein Überangebot an Bewerbern halbwegs vernünftig zu versorgen. Das schlägt jetzt ins Gegenteil um. Es gilt, alle Arbeitskräftepotenziale zu nutzen, die wir haben. Die Wirtschaft wird mehr in Fachkräfte investieren müssen. Aber auch bei der Konkurrenz um Fachkräfte sind im Osten eigene Wettbewerbsvorteile in die Waagschale zu werfen. Zum Beispiel führt der Hochschulpakt zu einer verstärkten Mobilität von Studenten aus den alten Bundesländern an Hochschulen im Osten. Ein Ansatz ist, diese Studierenden über das Studium hinaus im Land zu halten. Da stehen wir mit anderen Regionen im Wettbewerb. 

W&M: Herr Scheurer, es gibt auch in Ihrer Region Ingenieure, die sich seit 20 Jahren vergeblich um einen Job  bemühen. Können Sie noch aus dem Vollen schöpfen? 

SCHEURER: Nein, im Gegenteil. Es fehlt das passende Angebot. Wir bewegen uns momentan an einer Grenze. Es hat sich noch nicht herumgesprochen unter den künftigen Schulabgängern, dass sich eine große Lücke auftut. Wir haben 35.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in der Altersgruppe von 55 bis 65 im Landkreis. Das sind rund 2.500 ältere Arbeitnehmer pro Jahrgang. 18-Jährige haben wir dagegen nur 2.000. Das heißt, an jungen Arbeitskräften stehen 20 Prozent weniger zur Verfügung, um die ausscheidenden zu ersetzen.  

W&M: Quantitativ geht die Rechnung nicht mehr auf. Und qualitativ, wie entwickeln sich die Berufswünsche? 

SCHEURER: Vor drei, vier Jahren haben wir die Berufsinteressen von Schülern ausgelotet. 40 Prozent der Jungen wollen in die verarbeitende Industrie, die bei uns mit dem Maschinen- und Fahrzeugbau stark vertreten ist. Das Interesse bei den Mädchen ist hier gleich Null. Sie bevorzugen die klassischen Berufsbilder und -rollen wie Büroangestellte oder Friseuse. Für die Wirtschaft ist diese Tendenz der Todesstoß. Als Kommune bringen wir uns ein und vermitteln, wo es von Vorteil ist, einen Beruf zu erlernen.  

W&M: Noch einmal zurück zum arbeitslosen Ingenieur. Wie gelingt es der Arbeitsagentur, ältere Erwerbslose am Bedarf der Wirtschaft orientiert zu qualifizieren? 

SCHEURER: Bei höher qualifizierten Arbeitskräften klappt das relativ gut, wenn auch mit den von Ihnen genannten   Ausnahmen. Bei niedrig Qualifizierten, also ohne Schul- bzw. Berufsabschluss, funktioniert es sehr schlecht. Das hat vornehmlich damit zu tun, dass es kaum Arbeitsplätze für weniger gut ausgebildete Menschen gibt. Bei der aktuellen Arbeitslosenquote von 9,4 Prozent im Kreis ist davon auszugehen, dass nur 30 Prozent der Jobsuchenden vermittelbar sind, weil bei den anderen die Qualifizierung nicht ausreicht für die freien Arbeitsstellen.  

LICHT : Es bleibt ein Problem, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt den Langzeitarbeitslosen nichts mehr zugetraut, nicht mehr primär auf die Qualifikation geschaut wird. In Unternehmen herrscht die Ansicht vor, wer vier Jahre ohne Job ist, dessen Qualifikation ist entwertet. Dabei wird übersehen, dass es genug gibt, die sich permanent weiterbilden. Was Mädchen in technischen Berufen angeht, haben viele mit entsprechenden Abschlüssen schlechtere Chancen als Jungen in den Beruf zu kommen. Das befördert nicht gerade die Orientierung von Mädchen auf technische Berufe. 

W&M: Ist der Leidensdruck der Unternehmen noch nicht groß genug? 

LICHT : Die Arbeitgeber waren in der Vergangenheit sehr verwöhnt. Sie konnten sich die Besten auswählen. Heute müssen die Betriebe erst wieder ausbildungsfähig werden. Sie müssen in der Lage sein, leistungsschwächere Menschen an das geforderte Niveau heranzuführen. Soweit sind wir aber noch nicht. 

BAASKE: Wir brauchen vor allem eine andere Kultur in den Unternehmen im Umgang mit Älteren, Alleinerziehenden und Frauen. Wir setzen im Land auf gemischte Teams von Jüngeren und Älteren, das ist die ideale Kombination für die Betriebe. Welches Potenzial da zu heben ist, zeigt der Fakt, dass im Land nicht einmal jeder Zehnte der 64-Jährigen aus der Arbeit heraus mit 65 in Rente geht. Umdenken ist nötig. 

W&M: Gelingt denn den Betrieben im Osten die Bindung von Hochschulabsolventen? 

LICHT : Die Betriebe im Osten können bei den Angeboten aus dem Westen noch nicht gegenhalten. Es ist schwer, Absolventen zum Verbleib zu bewegen. 

TREPTE: Wir verlieren immer wieder auch Studierende, die sich im Hauptstudium für eine Universität im Westen entscheiden und dann abwandern. 

BERGNER: Die Betriebe Ost müssen ihre Attraktivität stärker herausstellen. Eine Herausforderung ist es, aus der Kleinteiligkeit der ostdeutschen Wirtschaft heraus eine Schlagkraft gegen große Konzerne aufzubauen. Mit Modellversuchen wollen wir aufzeigen, wie entscheidend im Wettbewerb um die Köpfe ein starkes Marketing ist. Und auch mit vorbildlichen Tarifverträgen wie aktuell in der Nordostchemie gewinnt und bindet man hochqualifiziertes Personal. 

W&M: Womit kann der Osten noch punkten? 

TREPTE: Unser Land lockt Fachkräfte zum Beispiel mit deutlich besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Über 90 Prozent der Kinder über vier Jahre werden in Mecklenburg-Vorpommern in Kitas betreut. Wegen dieses Vorteils haben sich Familien entschieden, in den Nordosten zu kommen. Außerdem hat das Land noch 70.000 Pendler, Potenzial an jüngeren Arbeitskräften ist noch da. 

LICHT : Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein Riesenthema, aber es wird das Problem nicht lösen. Es gibt trotzdem Abwanderung, weil die Industriestruktur in vielen Regionen einfach nicht da ist. Ein unterschätztes Potenzial sind die vielen Frauen in Ostdeutschland, die länger arbeiten wollen, nicht nur in Teilzeit. Über 40 Prozent der Mütter und über 50 Prozent der Frauen in Teilzeit würden gern länger oder in Vollzeit arbeiten. Bei Wochenpendlern sehe ich es wie Herr Trepte. Sie blieben lieber heute als morgen im Land, wenn sie ein akzeptables Jobangebot erhielten. 

W&M: Herr Baaske, bietet sich mit der Zuwanderung zum Beispiel aus Polen ein Ausweg beim Fachkräftemangel an? 

BAASKE: Seit Mai 2011 sind 850 Fachkräfte zugewandert. Die Schwemme ist also ausgeblieben. Viele Polen ziehen gleich weiter in Regionen, wo sie mehr verdienen. In unserem Nachbarland existiert der Fachkräftemangel auch, nur noch nicht in der Schärfe wie bei uns. 

BERGNER: Wir sind gut beraten, uns insgesamt auf einen europäischen Arbeitsmarkt einzustellen. Hier sind mehr Wanderungsbewegungen zu erwarten. Wir sollten die Möglichkeiten der Internationalisierung verstärkt nutzen, gerade auch in den ostdeutschen Bundesländern, und eine Willkommenskultur etablieren. Denken Sie nur an die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Spanien. 

SCHEURER: Wir bräuchten die Zuwanderung, aber sie kommt nicht zu uns in den Landkreis. Unternehmer sagen jetzt, wenn die Leute nicht zu uns kommen, dann gehen wir eben zu ihnen. Einige Chemnitzer Betriebe haben bereits Zweigniederlassungen in Böhmen. 

LICHT : Selbstkritisch muss ich feststellen, dass es Thüringen an einer Willkommenskultur mangelt. Investoren und ausländische Arbeitnehmer sind sehr zurückhaltend, sie beobachten die ausländerfeindlichen Tendenzen an sozialen Brennpunkten im Land. In puncto Weltoffenheit besteht Nachholbedarf. 

TREPTE: Abwerbung von polnischen Fachkräften hat keinen Sinn. Gemeinsam mit polnischen  wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften haben wir vereinbart, einen grenzüberschreitenden regionalen Arbeitsmarkt zu entwickeln. Zwischen dem Saarland und Frankreich funktioniert das seit Jahren gut.  

W&M: Was muss die Bundes- und Landespolitik besser machen, um das Fachkräfteproblem nachhaltig zu lösen? 

TREPTE: In den neuen Ländern haben wir das Problem, dass vier bis fünf Landes- und mindestens genauso viele Bundesministerien bei dem Thema nebeneinander her arbeiten und eigene Programme und Maßnahmen fördern. Besser wäre es, alle zur Verfügung stehenden Gelder in einen Topf zu werfen und da herum den fachlichen Sachverstand zu versammeln. So kämen wir zu den besten Lösungen. Wir sind im Osten ohnehin der Lackmustest, wie der demografische Wandel zu bewältigen ist. Wir werden das Arbeitsmarktlabor für Deutschland, wenn nicht gar für Europa. 

LICHT : Vor fünf Jahren hat Thüringen noch Investoren damit geworben, ein Billiglohnland zu sein. Heute brauchen wir gute Arbeit, um Menschen hier zu halten, um zukunftsfähig zu sein. Wichtig ist auch eine Neubewertung von Arbeit. Es ist eine Schande für Deutschland, dass alleinerziehende Frauen häufig so wenig verdienen, das sie von ihrem Lohn mehr schlecht als recht leben können. 

SCHEURER: Die heutige Elterngeneration sieht Kinder eher als Armutsrisiko denn als Chance. Gerade junge  berufstätige Frauen fürchten das Risiko eines Karriereknicks. Es muss uns daher gelingen, die Rückkehr von jungen Müttern in den Beruf individuell so zu regeln, dass die Befürchtungen gegenstandslos sind. 

BAASKE: Mein persönlicher Beitrag zur Bewältigung des demografischen Wandels ist, dass ich gerade zum vierten Mal Vater geworden bin. Aber im Ernst: Aus den verschiedenen Politikbereichen kann sich niemand mehr dem Problem entziehen. Das haben nun alle begriffen. 

BERGNER: Die Herausforderungen des demografischen Wandels sind keine Ressortangelegenheit. Das schlägt sich in der Demografie-Strategie des Bundes nieder. Entscheidend ist, die Fragen nicht am grünen Tisch zu klären. Die Kreativität ist vor Ort. Es wird darauf ankommen, sie in sachgerechte Politik münden zu lassen. Da sind insbesondere die Tarifpartner gefordert. Modellprojekte und eine Kommunikation von den besten Lösungsansätzen sollen helfen, schnell Fortschritte in der Breite zu erreichen. 

W&M: Vielen Dank für das Gespräch.