Interview
19.09.2010

Interview mit Chris Vonderlind, Schüler der 12. Klasse des Lößnitzgymnasiums in Radebeul, anlässlich der Veranstaltung "Das gemischte Doppel" in Dresden

"Es gibt Diskussionen dazu, wie die Menschen diese Zeit erlebt haben."

1. Herr Vonderlind, Sie sind 17 Jahre alt und gehen in die 12. Klasse des Lößnitzgymnasiums in Radebeul. Sie wurden in ein wiedervereinigtes Deutschland hineingeboren. Wie empfinden Sie das heute: Spielt es noch eine Rolle, ob jemand aus den Neuen Bundesländern oder aus den alten Bundesländern kommt?

Ich denke, dass die Ost- oder Westvergangenheit schon noch eine Rolle spielt - vor allem durch das, was mir meine Eltern von den Erfahrungen erzählen, die sie gemacht haben und die sie heute noch machen. Der Unterschied wird im Gespräch deutlich. Insbesondere im Austausch mit älteren Leuten offenbart sich eine unterschiedliche Vergangenheit, die die Menschen geprägt hat. Bei Jugendlichen hat sich das allerdings schon fast gänzlich aufgelöst. Wenn man nicht den Akzent erkennt - z. B. aus Hamburg, wenn man selbst einmal dort gewesen ist - denke ich nicht, dass man da noch eine große Unterscheidung machen kann. Ich persönlich empfinde keinen Unterschied dabei, ob ich mit jemandem aus Dresden rede, den ich noch nicht kenne oder mit jemandem, der aus einer beliebigen anderen Region Deutschlands kommt. Der Mensch ist mir zunächst genauso fremd.

2. Wird im schulischen Unterricht die deutsch-deutsche Geschichte, insbesondere die friedliche Revolution und die Wiedervereinigung, angemessen berücksichtigt, oder haben Sie das Gefühl, dass anderen Themen aus der deutschen Geschichte mehr Aufmerksamkeit zukommt?

Gerade im Geschichts- und Gesellschaftsunterricht ist das - vor allem in der 11. und 12. Klasse - ein häufig behandeltes Thema. Es ist ja auch das zeitgeschichtliche Thema, das unsere heutige Gesellschaftsordnung in jüngster Zeit geprägt hat. Es betrifft die Zeit zwischen dem Ende des zweiten Weltkriegs und unserer heutigen Staats- und Gesellschaftsform. Unsere Eltern und Großeltern waren davon noch unmittelbar betroffen. Daher führt man darüber auch noch viele Gespräche. Es gibt Diskussionen dazu, wie die Menschen diese Zeit erlebt haben. Manche sind im Westen aufgewachsen, manche im Osten. Die einen hatten Verwandte im Westen andere nicht. Der Kontakt zwischen den Menschen in den verschiedenen Systemen ist auch immer wieder ein Thema.

3. Sie werden bald Ihr Abitur machen und sich dann ggf. für ein Studium entscheiden. Spielt es für Sie bei der Wahl der Universität eine Rolle, ob der Standort in den Neuen oder in den alten Bundesländern liegt?

Für mich ist das überhaupt kein Kriterium. Wichtig ist eher - wie bei den meisten jungen Leuten wohl auch - der Kostenpunkt. Ob das Leipzig, Hamburg, Bremen oder Berlin sein wird, ist wohl vor allem eine Frage des Geldes. Und dann berücksichtigt man vielleicht noch, ob man vor Ort schon jemanden kennt, dort Verwandte hat. Aber die Tatsache, dass die Region ggf. vor 20 Jahren mal als anderer Staat betrachtet wurde, wird bei meiner Entscheidung keine Rolle spielen.

(Die Fragen stelle Maren Göre.)