Interview
19.03.2010

"Wie vom Donner gerührt"

Interview mit Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière in der Thüringer Allgemeinen am 17.03.2010

Ahnten Sie an diesem historischen Tag, dass er Ihrem Leben - im wahrsten Sinne des Wortes - eine neue Richtung geben wird?

Dass dies unser Leben verändern würde, ahnte ich natürlich - aber ganz klar war mir das nicht. Ich habe meinen Vetter Lothar de Maizière, der ja kurz nach dem Mauerfall CDU-Vorsitzender wurde, schon im Wahlkampf beraten. Im tiefen Januar hatte die CDU noch Umfragewerte von neun Prozent. Mit 40,8 Prozent lag das Ergebnis dann am Wahltag deutlich oberhalb aller unserer Erwartungen.

Waren Sie damals auch davon ausgegangen, dass Thüringen SPD-Land ist?

Ja, so haben wir das damals eingeschätzt. Aber die SPD hat damals schwere strategische Fehler in den meisten ostdeutschen Ländern gemacht. Zum Beispiel hat sie keine dort aufgewaschsenen Politiker als Spitzenkandidaten aufgestellt und dann auch noch die zweite oder dritte Garde aus dem Westen präsentiert. Davon hat sich die SPD in einigen Ländern bis heute nicht erholt.

Können Sie sich noch erinnern, wie Sie den 18. März verbracht haben?

Wir waren nach den ersten Hochrechnungen wirklich wie vom Donner gerührt. Dann sind Lothar de Maizière und ich in die Studios gegangen und zur Wahlparty im Ahornblatt an der Leipziger Straße. Dort wurden wir förmlich erdrückt im buchstäblichen und im übertragenen Sinne. Jeder erwartete von Lothar wegweisende Worte, aber wir mussten erst einmal das Ergebnis verarbeiten. Und dann haben wir im Fernsehen auch noch den damliegen Grünen Otto Schily gesehen, wie er eine Banane hochhielt. Das empfand ich als eine arrogante Zumutung für die Wähler.

Was war Ihr erster Eindruck von der Volkskammer?

Es herrschte eine große Aufbruchstimmung der frei gewählten Abgeordneten. Gleichzeitig hatten alle eine Abneigung gegen das Gebäude. Die Sehnsucht nach dem Runden Tisch trugen alle im Herzen, während der Kopf bereits wusste, dass nun auch über Geschäftsordnungen und Ähnliches geredet werden muss. Vor allem die Bürgerbewegten hatten Schwierigkeiten damit, jetzt Staatsmacht zu sein.

Welche Parlamentarier sind Ihnen als politsche Talente in Erinnerung geblieben?

Einige. Günther Krause zum Beispiel. Er war ein überragender Verhandlungsführer im Interesse der DDR-Bürger bei den beiden Staatsverträgen. Richard Schröder hatte es nicht leicht mit seiner Sozialdemokratie. Durch seine persönliche Glaubwürdigkeit hat er seine Partei dazu gebracht, dass sie dem Einigungsvertrag auch zustimmte. Gregor Gysi war einer der besten Redner, wenngleich auch mit einer hohen demagogischen und eher destruktiven Begabung. Dann gab es noch Manfred Preiß, dessen überragende Leistung oft unterschätzt wird. Als Minister für Regionale und Kommunale Angelegenheiten war er mit einer kleinen Behörde zuständig für die Kommunalverfassunge, die Bildunger der Länder und auch die Einführung demokratischer Strukturen.

Hat die Volkskammer das noch bestehende Land verändert oder wurde sie von den Ereignissen gejagt?

Beides ist richtig. Das Tempo hat auch Straße gemacht. Es gab wohl keinen Sitzungstag ohne Demonstrationen. Sicherlich wurde die Politik auch von den ökonomischen Erwartungen getrieben.

Was hat die Volkskammer in die deutsche politische Kultur eingebracht?

Viele der Abgeordneten, die in die Volkskammer gewählt wuden, mussten politishce Gestaltung und Legilative sehr schnell lernenn. Die Abgeordneten wurden ja oft als Laienschauspieler geschlidert. Im Nachhinein empfinde ich das als Kompliment. Wenn ich bedenke, was diese Abgeordneten bei den beiden Staatsverträgen geleistet haben, und das mit dem vergleiche, was in den vergangenen zwanzig Jahren manchmal an politischer Qualität abgeliefert wurde, dann muss sich niemand von damals verstecken.

(Die Fragen stellte Wolfgang Suckert.)