Demografische Situation in den ostdeutschen Ländern

Demografische Entwicklung in den ostdeutschen Ländern

Der Bevölkerungsrückgang in Ostdeutschland setzte nicht erst mit dem Mauerfall ein. Seit ihrem Bestehen war die DDR ein Auswanderungsland. Wesentliche Ursachen dafür waren vor allem die Abwanderung bis zum Mauerbau im Jahre 1961 sowie die Ausreise von DDR Bürgern nach dem Mauerbau. So sank die Einwohnerzahl im Zeitraum von 1949 bis 1989 von 19,1 Millionen auf 16,4 Millionen.

Bevölkerungswachstum in den Bundesländern, 1991-2012
Bevölkerungswachstum in den Bundesländern, 1991-2012
© Statistisches Bundesamt
Bevölkerungswachstum in den Bundesländern, 1991-2012
In den Jahren 1989 und 1990 erlebten die ostdeutschen Länder eine neuerliche große Welle der Abwanderung in die alten Länder. Rund 750.000 Menschen kehrten ihrer ostdeutschen Heimat den Rücken. In den Folgejahren unterlag das Wanderungsgeschehen größeren Schwankungen. Von 1991 bis 2012 verringerte sich die ostdeutsche Bevölkerung allein durch die Ost-West-Wanderung um rund 1,1 Millionen Personen. Auch die Salden aus Ab- und Zuwanderung in bzw. aus dem Ausland waren über Jahre negativ. Erst seit dem Jahr 2011 können die ostdeutschen Flächenländer Zuwanderungsgewinne aus dem Ausland verzeichnen, die jedoch deutlich unter denen in den alten Ländern (ohne Berlin) liegen.

Im Zuge des Transformationsprozesses hat auch die Geburtenentwicklung in Ostdeutschland tiefgreifende Veränderungen erfahren. In der Folge brachen in den ostdeutschen Ländern die Geburtenzahlen auf einen historischen Tiefstand von 0,77 in den Jahren 1993/94 ein. Seither ist ein Auf- bzw. Nach- und Überholen der Geburten zu beobachten. Mit einem Wert von 1,41 liegt das Ostniveau heute knapp über dem Westniveau. Das Geburtendefizit und die Sterbeüberschüsse führten im Zeitraum von 1991 bis 2012 zu einer Abnahme der ostdeutschen Bevölkerung (einschl. Berlin) um knapp eine Million.

In der Gesamtbilanz aus Binnenwanderung und natürlicher Bevölkerungsentwicklung mussten die ostdeutschen Bundesländer einschl. Berlin einen Rückgang ihrer Einwohnerzahl im Zeitraum von 1991 bis 2012 von rund 2 Millionen Personen verkraften. Innerhalb von 23 Jahren ist die Bevölkerung um etwa 11 Prozent geschrumpft. Diese Entwicklung ist im europäischen und internationalen Vergleich einzigartig.

Bevölkerungswachstum nach Kreisen, 2009-2030
Bevölkerungswachstum nach Kreisen, 2009-2030
© Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung
Bevölkerungswachstum nach Kreisen, 2009-2030
Nach Projektionen des Statistischen Bundesamtes (12. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung) wird die Bevölkerungszahl in den ostdeutschen Flächenländern weiter abnehmen, bis zum Jahr 2030 voraussichtlich um 14 Prozent (Bezugsjahr 2008). In Berlin hingegen wird erwartet, dass  die Einwohnerzahl insbesondere durch Zuwanderung wachsen wird.

Der Alterungsprozess gewinnt in den ostdeutschen Bundesländern weiter an Dynamik

Bei der Veränderung der Altersstruktur ist im Ost-West-Vergleich eine bemerkenswerte Entwicklung zu beobachten: In Ostdeutschland ist die Abnahme der jungen Bevölkerung Motor der Alterung, in den alten Ländern dagegen ist es die Zunahme der alten Menschen.
Die Abwanderung junger Menschen, die niedrige Geburtenziffer und die steigende Lebenserwartung haben den Altersaufbau der Bevölkerung in den ostdeutschen Flächenländern besonders schnell und drastisch verändert.

Der Anteil der Heranwachsenden (unter 20 -Jährigen) an der Bevölkerung hat sich im gesamten Bundesgebiet zwischen 1990 bis 2011 verringert. Der Jugendquotient (Anzahl der unter 20-Jährigen je 100 der 20- bis 65-Jährigen) lag im Jahr 1991 in den ostdeutschen Flächenländern und Berlin bei 39,5 und 2011 nur noch bei knapp 24. In den alten Ländern (ohne Berlin) sank der Quotient im gleichen Zeitraum lediglich von 32,7 auf 31,3.

Bevölkerung im Alter von 65 und mehr Jahren nach Kreisen,2011
Bevölkerung im Alter von 65 und mehr Jahren nach Kreisen,2011
© Statistisches Bundesamt
Bevölkerung im Alter von 65 und mehr Jahren nach Kreisen,2011
Die Abnahme der jungen Bevölkerung hat den Anteil der älteren Generation stark ansteigen lassen. Der Altenquotient (Anzahl der über 65-Jährigen je 100 der 20 bis 65-Jährigen) ist in den ostdeutschen Ländern von 22,4 im Jahr 1990 auf 36 im Jahr 2011 angestiegen. Im früheren Bundesgebiet stieg der Altenquotient im gleichen Zeitraum von 23,9 auf 33,1.

Nach Projektionen des Statistischen Bundesamtes (12. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung) wird sich der Trend hin zu einer alternden Gesellschaft fortsetzen. Bis zum Jahr 2030 könnte der Altenquotient in den ostdeutschen Ländern (einschließlich Berlin) auf rund 63 ansteigen, für die alten Länder wird ein Anstieg auf 51 prognostiziert. 

Abnahme und Alterung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter

Im Zeitraum zwischen 1990 und 2012 ist die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter (20 bis unter 65 Jahre) in den ostdeutschen Ländern (einschließlich Berlin) von 11,2 Millionen auf 10,1 Millionen gesunken. In den alten Bundesländern blieb sie mit 40,1 Millionen Menschen dagegen nahezu konstant. Gleichzeitig ist die Erwerbsbevölkerung im Durchschnitt älter geworden. Der Anteil der Altersgruppe von 45 bis unter 65 Jahre an der Erwerbsbevölkerung in den ostdeutschen Ländern und Berlin ist seit 1990 von 41,1 auf 50,3 Prozent angewachsen. Die älteren Personen im erwerbsfähigen Alter haben daher für den Arbeitsmarkt an Bedeutung gewonnen. Auch diese Trends werden sich fortsetzen.

Bevölkerung in Ostdeutschland nach Altersgruppen,1990, 2012 und 2030
Bevölkerung in Ostdeutschland nach Altersgruppen,1990, 2012 und 2030
© Statistisches Bundesamt
Bevölkerung in Ostdeutschland nach Altersgruppen,1990, 2012 und 2030

Ost-West-Wanderung rückläufig

Die ostdeutschen Flächenländer und Berlin mussten zwischen 1991 und 2012 im Saldo eine Abwanderung von gut 1,1 Millionen Personen in die westlichen Bundesländer hinnehmen. Rund 4 Millionen Ostdeutsche (einschließlich Berlin) verließen ihre Heimat. Umgekehrt zogen rund 2,9 Millionen Menschen aus dem früheren Bundesgebiet nach Ostdeutschland. In den letzten Jahren sind die Wanderungsverluste deutlich zurückgegangen. Im Jahr 2012 betrug der negative Wanderungssaldo (einschließlich Berlin) nur noch 2.700 Personen und ist damit auf einem historischen Tiefstand angelangt. Einige Regionen in den ostdeutschen Flächenländern konnten sogar wieder Bevölkerungszuwächse verzeichnen.


Wanderungen 1991 bis 2012 zwischen dem früheren Bundesgebiet und den neuen Ländern (einschl. Berlin) nach Altersgruppen

Alter der Wandernden
von… bis unter … Jahren

Wanderungssaldo
gegenüber dem früheren Bundesgebiet

 1.000 Personenin Prozent
bis 18- 264,823,4
18 – 25-416,336,7
25 – 30-151,713,4
30 – 50-264,023,3
50 – 65-41,33,6
65 und älter+4,5-0,4
zusammen-1.133,7100,0

(Datenquelle: Statistisches Bundesamt)

Regionale Unterschiede nicht nur in Ostdeutschland

Der demografische Wandel in Deutschland verläuft regional mit deutlichen Unterschieden. War Ostdeutschland in den 90er Jahren nahezu flächendeckend von der Bevölkerungsabnahme betroffen, so konnten sich in den letzten Jahren einige Regionen stabilisieren bzw. sogar Bevölkerungsgewinne generieren. Wirtschaftlich wie kulturell attraktive ostdeutsche Großstädte lösen zunehmend die alten Länder als Wanderungsziel der jungen ostdeutschen Generation ab.

Die seit 1990 zu beobachtende gegenläufige demografische Entwicklung von Ost und West verliert zunehmend an Bedeutung. Immer deutlicher wird hingegen die Ungleichheit der Entwicklung von urbanen und ländlichen Gebieten sowie von strukturstarken und strukturschwachen Regionen. Westdeutsche Landkreise im Saarland, auf der Schwäbischen Alb, im Sauerland oder dem Hunsrück bekommen mehr und mehr ähnliche demografische Probleme, wie sie die Uckermark, die Altmark und das Erzgebirge schon seit Jahren haben.

Die bislang klare Trennlinie zwischen Ost und West verwischt. Dafür geht in allen Bundesländern die Schere zwischen der Entwicklung strukturstarker Regionen und strukturschwacher Regionen weiter auseinander. Boomende Städte und Ballungsregionen wachsen weiter, die ländlichen und strukturschwachen Regionen hingegen schrumpfen und altern. Diesen Trend können viele Regionen, wie in den ostdeutschen Flächenländern zu beobachten ist, nicht aus eigener Kraft aufhalten, geschweige denn umkehren. Zum Erhalt der Lebensqualität und einer angemessenen Grundversorgung der Bevölkerung sowie zur Belebung der regionalen Wirtschaft sind gezielte Unterstützungsmaßnahmen von Politik und Wirtschaft erforderlich.